Papier, Papier, Papier

In der IT gibt es bei den meisten Beteiligten die erschreckende Neigung, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu schauen, ob es für die anstehende Aufgabe nicht ein passendes Tool gibt, also eine schicke Applikation.
Leider ist die Realität im Jahre 2015 sehr einfach: Es gibt für alles eine Applikation.

Es gab da doch den Satz mit dem Tool und so weiter

Den Satz mit dem Tool und das es nicht zwingend hilft kennt wohl jeder. Auch bei der Einführung neuer Prozesse sollte man ihn sich aber zu Herzen nehmen. Ich bin in meiner Organisation als ScrumMaster tätig, den neuen Prozess zur Erstellung von Software (richtig, Scrum eingebettet in das Scaled Agile Framework, kurz SAFe) haben wir vor nicht allzu langer Zeit eingeführt. Hier habe ich dank zahlreicher Vergleichsgruppen und vieler Experimente gelernt, dass der möglichst einfache Ansatz oftmals der Beste ist, um so etwas wie Scrum in einem Team einzuführen.
Gerade in der Startphase eines neuen agilen Teams wird sehr viel probiert und verändert, als ScrumMaster möchte ich dabei, dass das Team viel interagiert und sich mit den Inhalten beschäftigt.

Geh aus dem weg, du Werkzeug

Hier stehen Tools meines Erachtens eher im Weg, als dass sie helfen. Indirekte Kommunikation per Mail oder Instant Messaging hilft ungemein bei der Konfliktvermeidung. Konflikte auf vielerlei Ebenen sind aber wichtig, damit das Team lernt, miteinander zu arbeiten und besser zu werden.
Kennt Ihr die spannenden Meetings, in denen einer am Laptop bedient und Ergebnisse mitschreibt? Der mit der Maus hat dabei die Macht, alle anderen sitzen und warten (im guten Fall) oder beschäftigen sich mit etwas anderem (im weniger guten Fall).
Kennt Ihr vielleicht die kaputten Redmine- oder Jira-Installationen, an denen schon soviel probiert und umgestellt wurde, so dass nur eine chaotische, wabbelige Masse über ist, mit der keiner mehr Arbeiten will?

Her mit dem Papier

Wenn ich möchte, dass „mein“ Team zusammenwächst, muss ich dafür Sorgen, dass es eine Umgebung bereit gestellt bekommt, die das ermöglicht und fördert. Ein zentrales Element für mich ist dabei Papier.
Papier ermöglicht es, schnell einen Task oder eine Story auf einen Klebezettel zu schreiben, ihn ans Scrum-Board zu heftern oder wieder verwerfen (== zerknüllen und treffsicher in den Mülleimer werfen). Vielleicht ist es besser, wenn der mit der Macht (also der Maus) sorgfältig jeden Task und jede Story in das Tool der Wahl eingibt, während der Rest des Teams über die Einkaufsliste für die aktuelle Woche nachdenkt…
Papier fördert direkte Kommunikation. Man kann es gemeinsam beschreiben, es an die Wand hängen um es für alle sichtbar zu haben, oder es wieder abhängen um über das darauf geschriebene zu Reden.
Auf Papier zu schreiben geht schneller als etwas in eine Texteditor einzugeben. Man braucht keinen Browser, keine Plugins, keinen Computer, eigentlich noch nicht einmal Strom. Einen Stift braucht man schon. Wenn man den mitnimmt, kann ein Meeting auch mal im Park stattfinden. Oder im Pub. Naja, im Pub könnten die Ergebnisse interessant sein. Trotz des Papiers…
Ihr könnt mit Papier auch wunderbar Dinge für alle greifbar machen, ich mache das zum Beispiel mit der Projekthistorie.

Meine Sprinthistorie

Papier erleichtert die Sichtbarkeit vieler Scrum-Artefakte (es sei denn, Ihr habt alle einen 55″-Fernseher mit Eurem Jira Agile Board an der Wand hängen…). Ich hefte die Klebezettel mit abgeschlossenen User Stories an die Wand, schreibe den jeweiligen Sprint darüber und kann so jederzeit sehen, was ich in den vergangenen Sprints erreicht habe (oder eben auch nicht). Vor so einer Wand kann das Team stehen und sich auf die Schulter klopfen. Es hat gemeinsam unmittelbar Zugriff auf die Schätzungen zu geleisteten Stories, um z.B. eine neue Anforderung besser einordnen zu können.
Der ScrumMaster erkennt auf einen Blick, ob es Probleme in der Teamentwicklung geben könnte.
Macht das mal mit einem Tool am Bildschirm!

Was hängt an Euren Bürowänden?

Je länger ich mit einem Team unterwegs bin (ok, ich mache das zugegebenermaßen noch nicht so lange, die Formulierung klingt so aber besser!), desto mehr pflastere ich die Wände mit Plakaten (Plakate sind ja aus Papier!) voll:

  • Scrum-Board
  • Maßnahmen aus Retrospektiven
  • Inception Deck
  • Sprinthistorie
  • Definition, wann etwas wirklich fertig ist (wenn auch nicht immer)
  • Produkt Backlog
  • Übersicht über technische Schulden
  • Bilder von Bäumen

Ich verzichte bisher auf Poster aus „Agile Awareness Workshops“ (coole Sache, sowas zu machen!), weil ich glaube, dass ein Team die Grundprinzipen von agilen Methoden relativ schnell erlernt und nicht ständig auf ein Übersichtsbild von Scrum oder SAFe oder auf das agile Manifest schauen will. Diese Dinge sind der Rahmen, auf den ich als Meister-Sensei immer wieder verweisen kann. Auch ohne mit dem Finger auf ein Poster zu zeigen oder eine Kaffeetasse hochzuhalten.

Dann lieber ein Bild von einer Lärche. Dann kann ich immer wieder in verfahrene Situationen hineingrätschen und frei nach Monty Python sagen: „_And now, something completely different…_“